Medienresonanz
10.11.2006 Schleswiger Nachrichten
„Mittenmang“: Mit Herzblut und jeder Menge Lebenserfahrung
Vor einem Jahr wurde das Freiwilligenzentrum „Mittenmang“ in Schleswig gegründet. Das vom Land geförderte Modellprojekt vermittelt Engagements: Derzeit kümmern sich 25 Freiwillige um Menschen mit Behinderungen. Warum jede Menge Herzblut dazu gehört, erklärt Geschäftsführerin Dr. Nicole Schmidt im Gespräch mit Redaktionsmitglied Hildegard Filz.
Schleswig
„Mittenmang“ feiert zum ersten Mal Geburtstag, vor einem Jahr wurde das Freiwilligenzentrum in Schleswig gegründet. Wie oft müssen Sie noch die Frage beantworten: „Was bedeutet das eigentlich: ’Mittenmang’“?
Vor allem junge Leute fragen.
Ihre Antwort?
Ich erkläre ihnen, dass dieses Wort aus dem Norddeutschen kommt und „mittendrin“ heißt.
Ein Name, der zum Programm wurde?
Richtig. Es geht um zweierlei: Menschen mit Behinderungen sollen mittendrin sein statt am Rand. Das gilt auch für ihre ehrenamtlichen Unterstützer, die wir vermitteln. Manche von ihnen haben selbst eine Behinderung. Der Unterschied zu anderen Freiwilligenzentren im Land ist: Beeinträchtigte Menschen können sich um Behinderte kümmen. Diese Hilfe wird von uns organisiert und begleitet.
Wie schafft man es, mittenmang zu sein?
Ich darf Ihnen ein fantastisches Beispiel geben: Bärbel Kruse ist mittenmang. Auf Grund einer psychischen Erkrankung war sie früher selbst Klientin bei der „Brücke“. Dann hat sie 25 Jahre in der Fachklinik gelebt. Schließlich kam sie zu uns, mit 59 Jahren, und meinte: „Frau Schmidt, ich hab’ das Gefühl, mit 60 fängt das Leben erst an.“
Seitdem gehört „Mittenmang“ zu Bärbel Kruses Leben?!
Sie macht Kaffeedienst, backt Kuchen, kümmert sich um die Gemütlichkeit. Sie ist ein Fels in der Brandung. Man merkt sofort, wenn sie nicht da ist. Ihr Engagement haben wir mit unserem Kooperationspartner „Carenetz“ gestaltet: Sie hilft einer Frau, die auf Grund einer Erkrankung große Gedächtnislücken hat, sich nach langem stationären Aufenthalt im eigenen Haushalt und in der Stadt zurecht zu finden. Neulich berichtete Frau Kruse mit leuchtenden Augen: „Ihre Gedächtnisleistungen verbessern sich und wir verstehen uns gut!“
Das Erfolgsrezept ist eine persönliche Bindung?!
Ein Ausdruck aus dem Amerikanischen trifft es genau: „Buddy“-Prinzip.
Gemeint ist eine größtmögliche Nähe?
Ja, der Ehrenamtler hilft etwa beim Gang zu Ämtern und Ärzten, beim Einkauf und Kochen. Er hilft dem anderen, Schritt für Schritt den Alltag zu meistern.
Wer darf diese Hilfe Ihrer Freiwilligen beanspruchen?
Menschen, die in irgendeiner Form beeinträchtigt sind. Familien mit einem behinderten Kind gehören auch dazu. Allerdings fragen wir uns: Ist alles, was gesetzlicher Hilfe entspricht, schon geleistet? Und: Würden Freiwillige als billige Arbeitskräfte ausgenutzt? Können Ehrenamtler, die ja keine professionellen Pfleger sind, die gewünschte Unterstützung überhaupt leisten?
Zur Klarstellung: Es geht also nicht um körperliche Pflege? Ein Betreuer wäscht seinen Betreuten nicht?
Es geht um Betreuung im Alltag, um Beistand, ums Zuhören. Um Lebenshilfe. Wir verkaufen keine Leistung. Wir haben etwas zu geben: Lebenserfahrung, Herzblut, Zeit, Ruhe.
Diese Leistung ist nicht minder verantwortungsvoll. Wie prüfen Sie, ob jemand, der sich zum Freiwilligenamt berufen fühlt, es ernst meint? Und wer bekommt ein „Nein“?
Ein „Nein“ bekommt, wer sein Engagement an seine eigene Bedürftigkeit koppeln würde und selbst Hilfe braucht. Dieser Mensch wird für einen anderen, den er unterstützen soll, zur Belastung. Ich muss herausfinden, ob jemand stabil genug ist und, ausgehend von seiner Lebensfreude, auf andere zugehen kann. Zu den Standardfragen gehören dann: Wie viele Stunden Zeit bringen Sie pro Woche mit? Welche Interessen haben Sie? Die Engagements müssen passgenau sein. Dadurch steigt die Erfolgsquote. Die ersten Treffen finden dann unter unserer Regie statt in unserer Einrichtung, an einem neutralen Ort. Menschen, die sich bei uns engagieren wollen, fordern wir zur Ehrlichkeit auf bei Problemen mit dem Betreuten oder auch mit sich selbst. Wir wollen, dass es ihnen gut geht.
Tauschen sich Ihre Freiwilligen untereinander aus?
Einmal monatlich gibt’s eine Teamsitzung auch die ist freiwillig. Engagements werden reihum besprochen, alle dürfen ihr Strahlen zeigen und ihre Probleme schildern.
Will eine Geschäftsführerin nicht manchmal tauschen mit einem ihrer Freiwilligen?
Dazu fehlt mir die Zeit. Umso mehr freue ich mich, wenn unsere Freiwilligen ihre Betreuten mitbringen.
Kontakt: Plessenstraße 26, Tel. 97 75 44. Öffnungszeiten: Donnerstag, Freitag, 14 bis 16 Uhr.
