Medienresonanz
22.01.2008 Kieler Nachrichten
Für manche die letzte Chance
Kiel/Molfsee Keinen oder einen schlechten Schulabschluss, Lehre abgebrochen, wenig Unterstützung von zu Hause, kaum Aussichten auf einen Job: Jugendlichen mit solchen Defiziten kann jetzt geholfen werden. Zumindest einige von ihnen bekommen in Kiel im Rahmen eines vom Bund geförderten dreijährigen Pilotprojektes die Chance, trotz schlechter Voraussetzungen den Sprung ins Berufsleben zu schaffen.
Noch regiert in den Räumen in einer der vielen Backsteinbauten auf dem Schulenhof-Gelände in Molfsee das Provisorium. Die Farbe an den Wänden ist gerade trocken, Sitzmöbel sind Mangelware. Doch schon bald sollen die Räume intensiv genutzt werden zum Beispiel für Gespräche über die Schwierigkeiten der Jugendlichen, ihren noch ungewohnten Arbeitsalltag zu meistern, für Schulungen wie Bewerbungstraining, Anti-Aggressionstraining oder für ein gemeinsames Frühstück.
Es werden Rückzugsräume sein, in denen Jugendliche, die gemeinhin als „schwierig“ gelten, ihren Frust ablassen können über ihre Probleme mit Eltern, Freunden, Vorgesetzten oder warum es ihnen so schwer fällt, eine Ausbildung durchzuhalten. Anja Winkel und Burkhard Schweiker werden ihnen dann zuhören, Ursachen der Konflikte herausfinden, Tipps zur Bewältigung geben. Das ist der Job der beiden Sozialpädagogen, die im Rahmen des in acht deutschen Kommunen startenden Förderprogramms „Freiwilligendienste machen kompetent“ eine neue Herausforderung vor sich haben: Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen mit sozialen und fachlichen Defiziten bei der Stange zu halten bei der vielleicht letzten Chance, doch noch die Kurve Richtung Berufsleben zu bekommen.
Die ersten Schritte dorthin beschreiten sie in der Altenpflege-Einrichtung Schulenhof, die reichlich Gelegenheit bietet, Fähigkeiten zu erproben und weiterzuentwickeln: in der Küche, in der Hausmeisterei, in der Pflege, bei Freizeitaktivitäten mit alten Menschen oder bei der Instandhaltung der Gebäude inklusive des weitläufigen Parks. Auf dem Schulenhof leisten die Jugendlichen ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) ab. Eine Chance, die sie nur deshalb haben, weil das Bundesfamilienministerium das FSJ mit einem zusätzlichen Förderprogramm für Jugendliche mit besonderen Schwierigkeiten erweiterte. Denn FSJ-Plätze sind bei Jugendlichen so heiß begehrt, dass etwa nur jeder dritte Bewerber tatsächlich einen Platz bekommt. „Dafür braucht man große soziale Kompetenz, Beständigkeit, Zuverlässigkeit. Und darüber verfügt unsere Klientel in aller Regel nicht“, berichtet Burkhard Schweiker.
Das FSJ bietet außer einem bei Arbeitgebern gut angesehenen Zeugnis mit detaillierten Angaben zu Leistungen und Verhalten für die insgesamt 22 Teilnehmer noch weitere Vorteile. Es zählt als sozialversicherungspflichtige Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt, zudem werden monatlich Taschengeld (154 Euro), Verpflegungsgeld (180 Euro) plus Fahrtkosten gezahlt. Ergänzende Leistungen im Rahmen der Hartz-IV-Regelungen kommen vom Jobcenter, das sich auch um berufliche Perspektiven für die Jugendlichen nach erfolgreichem Abschluss des FSJ kümmert. Träger des Förderprogramms mit einer Dauer zwischen sechs und 18 Monaten sind in Kiel die Evangelische Stadtmission und der Verein „mittenmang“.
Von Jürgen Küppers
