Medienresonanz
Dez 2010 / Jan 2011 SOZIAL Nr. 6 - Der Paritätische SH
„Ich bin mittenmang, weil da das Leben ist“
Schleswiger Verein „mittenmang“ vermittelt ehrenamtliche Tätigkeiten für Menschen mit Behinderungen/ Zukunft aus finanziellen Gründen unklar
Volker Schlüter ist ein vielbeschäftigter Mann: Zweimal wöchentlich besucht der 55-Jährige Frauen im Altenheim, mittwochs begleitet er eine Rollstuhlfahrerin beim Einkaufen, und bei der Bahnhofsmission ist er ebenfalls engagiert. „Die Leute freuen sich, wenn ich komme“, sagt er, und Petra Knust vom Verein „mittenmang“ lobt: „Er ist gut durchorganisiert und hat ein Händchen gerade für ältere Menschen.“
Dabei gilt Schlüter, der so vielen anderen hilft, selbst als „behindert“ und damit landläufig als hilfsbedürftig. „mittenmang“ stellt dieses Bild auf den Kopf: Ziel des Vereins ist, Menschen mit Behinderungen „zu motivieren und zu befähigen, sich für andere Personen sozial zu engagieren“. Denn sie alle sollen mittenmang, mittendrin sein: „Weil da das Leben ist“, hat eine Teilnehmerin ihr Engagement beim Verein erklärt. Unter anderem in Alten- und Pflegeheimen oder für Menschen mit Behinderungen sind die „mittenmang“- Freiwilligen aktiv. So hat Bärbel Kruse, eine andere Aktive des Vereins, einige Jahre eine Frau begleitet, deren Kurzzeitgedächtnis gestört war. Britta Thordsen hat früher in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen gearbeitet, bis der Arzt es ihr verbot: zu anstrengend. „Jetzt bin ich ehrenamtlich tätig“, sagt die 51- Jährige.
Die Idee, Menschen mit Behinderungen den Zugang zum Ehrenamt zu erleichtern, stammt von Dr. Nicole Schmidt. Ihr fiel auf, dass im Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags zur „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland“ die Gruppe der Menschen mit Behinderung gar nicht erwähnt wurde. Sie bewarb sich mit ihrer mittenmang- Idee um die Teilnahme im Modellprojekt „Generationsübergreifende Freiwilligendienste des Bundesfamilienministerium“.
Der hierfür gegründete gemeinnützige Verein mittenmang Schleswig-Holstein wurde drei Jahre lang für den Aufbau von Freiwilligenzentren gefördert. „Von den 50 Projekten in Deutschland waren wir das kleinste“, sagt Petra Knust, die heute gemeinsam mit Schmidt das Freiwilligenzentrum in Schleswig betreut. Anschließend wurde mittenmang ein Leuchtturmprojekt im Rahmen der „Freiwilligendienste aller Generationen“.
Warum braucht es überhaupt einen Verein , damit Menschen mit Behinderung rund 40 sind es zurzeit sich engagieren können? „Weil wir begleiten und Türöffner sind“, erklärt Knust. Einer der ersten Freiwilligen sei ein früherer Alkoholiker gewesen, seine Betreuerin begleitete ihn zu „mittenmang“. „Wenn dieser Mann in einem Altenheim auftaucht und seine Hilfe anbietet, wird er nicht gerade mit offenen Armen empfangen“, sagt Knust. Doch „mittenmang“ warb für ihn, und der Mann besuchte und begleitete trotz eigener Gehbehinderung jahrelang Menschen im Heim. „Wenn alles klappt, ist das eine win-win-win-Situation“, sagt Knust: „Für den Freiwilligen, die Institution und die, denen geholfen wird.“
Der Verein, der zu den Referenzprojekten der Beratungsstelle für Inklusion unter dem Dach des PARITÄTISCHEN gehörte, vermittelt nicht nur, sondern begleitet und schult die Freiwilligen auch. So gab es etwa Konflikttraining und Fachkurse, etwa zur technischen Handhabung von Rollstühlen oder zur Kommunikation mit Menschen, die nicht mehr sprechen. Ein Ziel war, aus den Kursen ein Curriculum für Freiwillige zusammenzustellen. Auch sollten über die jetzigen Orte hinaus weitere Freiwillige angeworben und begleitet werden. Ob diese Ziele eingehalten werden können, ist zurzeit aber offen. Nachdem „mittenmang“ zunächst vom Bund und später vom Land Förderung erhielt, steht die künftige Finanzierung auf unsicheren Füßen. Petra Knust betont, dass die Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung in der Stadt Schleswig sowie im Kreis Schleswig-Flensburg sehr gut sei. Die Stadt wird bis ins Jahr 2011 für die Raummiete aufkommen langfristig muss der Verein aber neue Geldquellen auftun. Würde das Projekt enden, wäre das sehr traurig, meint Bärbel Kruse: „Wir kennen uns alle und stützen uns gegenseitig.“
